Donnerstag, 7. August 2008

Verfahren der Surrealisten

Automatisches Schreiben (écriture automatique):
Den Surrealisten war auf gefallen, dass man kurz vor dem Einschlafen mitunter Worte, Sätze denkt (hört. geschrieben sieht), die man sich nicht erklären kann. 1919 versetzten Soupault und Breton sich mutwillig in solche Zustände und zeichneten auf, was ihnen in den Kopf kam; sie schrieben es automatisch hin. So entstanden die ersten automatischen Texte : Les Champs meqnetiques.

Automatische Zeichnung:
Sie entsteht, indem man sich dem impulsiven Zeichnen blindlings anvertraut. Eine Rückkoppelung, in der der Zeichnende erkennt, „ was es wird", und entsprechend einen wacheren Einfluß auf die weitere Gestaltung nimmt, spielt oft mit herein, was dem Prinzip des reinen Automatismus so lange nicht zu widersprechen braucht, als man annehmen kann, dass es dasselbe – das Kritzeln leitende – Unterbewusste ist, das sich in dem, „was es wird", wieder erkennt. Wird aber umgekehrt das Unbekannte als Schlüssel zum Bekannten genommen, ist die Verbindung zum Unterbewussten abgerissen. Das Verfahren enthält ein physisches, motorisches Element, das sich in späteren Anwendungen, vor allem in den vierziger Jahren, oft verselbständigt. Spricht man von einem Automatismus des Sprachlichen, so ist zu bedenken, dass dieses Konzept nicht in der gleichen, weit gefassten Weise auf den bildnerischen Bereich übertragen werden kann. Im Unterschied zum Sprachfluss des verbalen Automatismus ist bei visuellen Vorstellungen das ganze Bild auf einmal da und muss nach und nach, d.h. praktisch hinterher, aufgezeichnet werden (Traumbilder), Wenn sich die illusionistische Richtung des Surrealismus, soweit es sich nicht um Fälschungen handelt, somit ebenfalls aus dem Automatismus theoretisch begründen lässt, hat sie doch mit dem Verfahren nichts gemein.

Im Winter 1923/24 entstehen Massons erste automatische Zeichnungen. Klee mit seinen Kritzeleien galt den Surrealisten als bedeutender automatischer Zeichner, und sie haben ihn 1925 in ihre Ausstellung La Peinture surreeliste aufgenommen.

Cadavre exquis (Köpfe, Leiber und Beine):
1925 entdeckte die surrealistische Gruppe das alte Gesellschaftsspiel für ihre Zwecke: ein Stück Papier wird z.B. in drei Streifen gefaltet; auf dem obersten zeichnet der erste Spieler den „Kopf", wendet den Streifen und gibt ihn dem nächsten Spieler, der also auf dem Kniff nur die Ansatzpunkte für seinen Abschnitt erkennen kann und nun den „Leib" entwirft. zu dem der dritte auf dieselbe Weise die „Beine" liefert.

Sind es mehr Spieler, gibt es entsprechend viele Etagen. Ähnlich mit Worten: jeder schreibt einen Teil des Textes und faltet das Papier so, dass der nächste nichts oder nur ein Stück davon sehen kann. Den Namen Cadavre exquis – köstlicher Leichnam – erhielt das Spiel aus dem ersten damit geschaffenen Satz: Der köstliche Leichnam trinkt den jungen Wein.

Coulage (Gießen):
ÖI- oder Lackfarben werden auf eine mehr oder weniger geneigte Leinwand geschüttet, wo sich aus den Farbpfützen und -bachen, vom Künstler nur bis zu einem gewissen Grade beeinflussbar, organisch anmutende Formen bilden. Onslow-Ford, der die Coulage 1939 erfand, malte in einigen Fällen noch aus Linien gebildete geometrische Muster darüber und erzielte dann eine gegenseitige Durchdringung dieser beiden Bildaspekte, indem er innerhalb solcher geometrischer Felder durch Abhäuten der Oberfläche eine andere Schicht der Coulage freilegte.

Dämmerzustände (sommeils):
Angeregt von spiritistischen Methoden versetzten sich bei Zusammenkünften der Gruppe (1922) einer oder mehrere Surrealisten in einen Dämmerzustand, sprechen dann, halten Reden, beantworten Fragen, schreiben, während andere Mitglieder die Beobachtung und Aufzeichnung übernehmen; der Sprechende kann sich hinterher nicht mehr daran erinnern. Diese Variante schaltet ein Bearbeiten der automatischen Botschaft beim Selber-Nieder-schreiben aus.

Decalcomanie:
Man verstreicht Deckfarbe auf einem Blatt Papier, legt ein zweites Blatt darauf, drückt es hier und da mit der Hand an und zieht es dann vorsichtig ab. Breton hat dieses „Abziehbild des Wunsches" als eine vollkommenere Form der „Wand" Leonardos bezeichnet (Leonardo sagt, dass man in rissigen alten Mauern Landschaften, ganze Schlachten, groteske Gesichter und viel es mehr erblicken kann).
Nachdem Dominguez (1936) mit den Decalcornanien begonnen hatte, bedienten sich bald viele andere surrealistische Dichter und Maler des Verfahrens. Dominguez und Jean verwendeten dabei auch Schablonen. 1940 überträgt Ernst die Decalcomanie in die Ölmalerei.

Dripping (Tröpfeln):
Mit schwingenden Bewegungen lässt man Farbe aus einem Gefäß auf die waagerechte Leinwand rinnen, so dass auf dem Bild, kraus oder mehr rhythmisch akzentuiert, ein Liniengefüge entsteht. 1943 ließ Pollock Farbe auf die Leinwand tropfen und nahm zum Weiterzeichnen statt des Pinsels einen Stock; 1946/47 kommt er dann zur konsequenten Anwendung des Tröpfelns auf das ganze Bild.

Diese Arbeiten vollenden eine lange Entwicklung. Die Zeichnung sperrte sich nicht gegen den Automatismus, aber die Anwendung auf die Ölmalerei drohte an der Langsamkeit des Pinsels wie an den störenden Unterbrechungen zum Eintauchen zu scheitern. Andererseits ist auffällig, wie die Äußerung en des Automatismus in der Malerei (ausgenommen Decalcomanie und Fumage) gezeichnete sind.

1925 fängt Miró ein Bild an, indem er Farbe auf die Leinwand gießt, mit Lappen und Schwamm verreibt. 1927 schmiert Masson den Leim mit seinen Fingern auf die Sandbilder, zeichnet auf ihnen mit Farbe, die er direkt aus der Tube auf das Bild quetscht. 1939 schüttet Onslow-Ford Lackfarben auf die Leinwand. 1940 entsteht Hofmanns erstes Tröpfelbild. 1942 lässt Ernst eine durchlöcherte Dose mit Farbe an einer Schnur kreisen.

Frottage (Durchreiben):
1925 entdeckte Max Ernst dieses Verfahren, als sein Blick immer wieder von einem Holzfußboden angezogen wurde, dessen Maserung das viele Sauberscheuern überdeutlich herausgearbeitet hatte. Er ließ Papierblätter darauf fallen und strich mit einem Bleistift über sie hin. Ebenso verfuhr er dann mit Laub, Sackleinen und anderen Unterlagen. In dem zufällig entstehenden Bild zeichnen sich dann Landschaft en ab, phantastische Figuren, Anregungen, denen Max Ernst dann mehr oder weniger folgt.

Die Frottage (und ihre Anwendung auf die Ölmalerei, die Grattage) bleibt ein Mittel Max Ernsts. Sie hat einen doppelten Bezug zum déjà vu. Zum einen hat man das Durchgeriebene, eine Maserung etwa, „natürlich" „ schon gesehen"; zum anderen wirkt der graphische, buchillustrations hafte, schon vervielfältigt aussehende Charakter so vieler Ernstscher Werke wie das Anführungszeichen eines Zitats, wie der sichtbare Bodensatz des „Früher-gesehen-Habens" auf dem Gesehenen.
Zur bloßen Reproduktion (um etwa Abbildungen alter Inschriften zu erhalten), als Kinderspiel (Groschen durchreiben) war das Verfahren bekannt, und so hat auch Ernst ähnliche Versuche
u.a. mit Drucklettern bereits 1919 gemacht.

Fumage (Rußen):
eine brennende Kerze wird unter einer etwa waagerechten Leinwand bewegt, so dass aus dem rauchig-rußigen Niederschlag und den angesengten Stellen ein Bild entsteht. Bryen hat auf diese Weise 1935 eine Arbeit auf Papier geschaffen, Paalen hat das Verfahren 1938 systematisch in der Malerei entwickelt.

Grattage (Schaben, Kratzen):
Ernst hat die Frottage bald auch auf Ölbilder angewandt, indem er bemalte Leinwände auf rauhe Unterlagen brachte und abschabte oder bemalte Bretter usw. auf die Leinwand abdruckte. Der Ausdruck Grattage bezeichnet diese Arbeiten von Ernst wie auch das Verfahren von Esteban Francös (1938), mehrere übereinander liegende Farbschichten mit einem Rasiermesser zu bearbeiten, so dass bunt schillernde Formen entstehen.

Lackskin (Lackhaut):
Lackfarben werden auf eine Wasserfläche (in einem Bassin, einer Wanne) gegossen, wo sie sich ausbreiten, verlaufen, miteinander vermengen. Mit einem behutsam darauf gelegten Blatt Papier lässt sich das entstandene Bild abnehmen. Verwandelt treten Decalcomanie und Coulage gewissermaßen als Gehilfen in diesem neuen Verfahren auf, das Thomkins, der es 1955 fand, keineswegs für sich reservierte: Ausstellungsbesucher haben in seiner Abwesenheit nach seiner Beschreibung Lackhäute gemacht.

Oszillation (Schwin gen, Pendeln):
das von Ernst (1942) praktizierte Verfahren besteht darin, an einer Schnur eine Konservendose mit einem kleinen Loch im Boden zu befestigen, mit Farbe zu füllen und kreisend schwingen zu lassen.

Sandbilder:
Masson erfand 1927 dieses Verfahren, was ihm ermöglichte, unbehindert von dem langsam zu führenden und immer wieder einzutauchenden Pinsel den Automatismus in der Malerei anzuwenden. Mit den Fingern verstrich er Leim unregelmäßig auf einer Leinwand und streute Sand darüber, der, wenn man das Bild zur Seite kippte, nur an den beleimten Stellen haftenblieb. Bei einigen Arbeiten wurde der Vorgang mehrfach mit verschiedenfarbigen Sänden wiederholt. Auf dem Sand zeichnete er meistens noch mit Ölfarbe, die er aus einer extragroßen Tube quetschte.

Ausstellungskatalog: Surrealität – Bildrealität 1924 – 1974, Städtische Kunsthallen Düsseldorf 08.12.1974 – 02.02.1975

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